Gemeinsam

Liebe besteht nicht darin, dass man einander anschaut,

sondern dass man gemeinsam in dieselbe Richtung blickt

 

Antoine de Saint-Exupéry

 (29.06.1900- 31.07.1944)

 

In unserem kleinen Gartenhaus lagen einige Holzbretter, die darauf warteten bearbeitet zu werden. Es waren Reste einer alten Europalette. Irgendwie forderten sie mich auf, dass ich mich mit ihnen beschäftigen sollte. So legte ich zwei der Bretter nebeneinander und begann auf Ihnen zu zeichnen um sie miteinander in Verbindung zu bringen. Nach einigen Versuchen, entstanden zwei Figuren, die sich ganz nahe waren. Um die Beiden etwas lebhafter wirken zu lassen, malte ich ein Herz in die Mitte der rechten Figur. Als ich meinen Entwurf Marikka (meine liebe Frau) zeigte, meinte sie, dass das Herz doch die Verbindung von Beiden ist. So zeichnete ich das Herz in die Mitte und es fühlte sich für mich auch ganz stimmig an.

 

Beim weiteren Gestalten, Sägen und Schleifen der Hölzer beschäftigte ich mich mit der Bedeutung des Wortes „Gemeinsam“. Zunächst kamen mir ganz alltägliche Dinge in den Sinn, die Menschen gemeinsam tun: Da ist das gemütliche Beisammensein am Abend mit Freunden, oder die Zeit eines gemeinsamen Essens. Gemeinsam trifft man Überlegungen und plant den nächsten Urlaub. Viele Menschen unternehmen mit anderen gemeinsam am Wochenende einen Ausflug. In Betrieben arbeiten Kollegen und Kolleginnen oftmals über eine lange Zeit gemeinsam, einige sogar direkt am selben Arbeitsplatz. Dort entstehen gemeinsame Projekte und es werden gemeinsam Aufgaben gelöst. Jeder kennt bestimmt noch unzählige Beispiele, so dass die Liste noch ewig weitergeführt werden kann.

 

Ja, und als ich nach dem Aussägen der Figuren das Schleifpapier in der Hand hielt, veränderten sich auch zunehmend meine Gedanken. Ich begann mit dem 60er Papier! Kennst Du das? Da ist noch alles etwas faseriger! Das Papier lässt noch viele Rillen und Unebenheiten sichtbar, aber das Gröbste geht schon weg. Ich war auch beim Schmirgeln noch sehr mit dem Kopf im Weltlichen unterwegs - ich erinnerte mich dabei an einen früheren Arbeitsplatz, bei dem ich viele nette Menschen um mich hatte, aber sie waren eben einfach „nur“ nett. Der Umgang war freundlich miteinander, wir unternahmen auch einiges gemeinsam in der Freizeit, sprachen über dies und jenes. Wenn mal Unstimmigkeiten aufkamen und wir uns nicht mehr so gut verstanden, gingen wir uns einfach aus dem Weg und „irgendwann“ klappte es dann wieder besser und es ging gemeinsam weiter.

 

Aus meinem jetzigen Empfinden heraus spürte ich, dass mir etwas an dem damaligen „Gemeinsam“ fehlte und es machte mich fast ein wenig traurig, dass ich dies gerade jetzt, nach all den Jahren, so ganz bewusst beim Arbeiten im Gartenhaus feststellte. Ich vermisste etwas im Nachhinein, was mir damals gar nicht bewusst gewesen ist.

Ich wechselte das Schleifpapier. Zunächst auf Stärke 80, dann darauf folgend auf 120er- Körnung. Zunächst schliff ich die äußeren Rundungen, die Konturen der einzelnen Figuren. Dann machte ich mich ganz vorsichtig an die kleinen Krümmungen der Herzhälften heran. Die mittleren Verbindungsspitzen ging ich ganz behutsam an. „Gemeinsamkeiten“- so ging es mir immer wieder durch den Kopf. Ja, tiefere Gemeinsamkeiten, das war es was mir fehlte. Damit meine ich nicht den gemeinsamen Arbeitsplatz oder einen gemeinsamen Ausflug, sondern es war das Fehlen der Verbindung nach Innen, nach dem was uns wirklich verbindet.


Kennst Du das auch?

 

Du bist mit jemandem zusammen, ihr erzählt Euch zum Beispiel etwas aus der jeweilig erlebten Kindheit, und plötzlich habt ihr beide denselben Geruch in der Nase, genau diesen Geruch kennt ihr beide, jeder aus seiner Kindheit. Dieser Geruch ist sehr angenehm, ihr könnt alles wie früher um euch herum sehen, erzählt es euch und spürt, da ist etwas, was euch wirklich verbindet. Und genau so etwas meine ich. Es kommt ein ganz persönlicher gemeinsamer Austausch zustande, der Euch beide im Herzen berührt.

 

Ich komme dem „Gemeinsam“, dem ich mehr auf den Grund kommen möchte, langsam näher. Zuletzt nahm ich dann das 200er Papier, sehr fein und glatt fühlte sich die Oberfläche nach dem Bearbeiten an. Dann fügte ich die beiden Figuren zusammen zu einer Einheit. Wenn wir Menschen es also zunächst zulassen, bewusst zulassen, dass wir uns einem anderen Menschen gegenüber öffnen, vielleicht auch unsere Verletzlichkeit zeigen, dann kann dies der Beginn einer wundervollen Verbindung sein. Wir kommen zusammen und können gemeinsam daran wachsen.

 

Während der letzten Schritte bis zur Fertigstellung hatte ich das Wort „Gemeinsam“ vor meinem inneren Auge und sah immer wieder den Wortteil „eins“ vor mir. Die Zahl eins wird auch als die Zahl Gottes bezeichnet. Eins ist der Anfang allen Seins. Die Eins ist das Symbol für einen neuen Anfang. Ist das nicht schön? Da siehst Du in der Mitte des Wortes von „Gemeinsam“ die „Eins“ welche so klar und schön die Herzensverbindung der beiden Figuren bedeutet.

 

Interessant ist auch die Bedeutung von „Einssein“ mit sich. Das Wort „einsam“, was ja auch in „Gemeinsam“ enthalten ist, kennen wir in der deutschen Sprache erst seit dem 15.Jahrhundert. Im Englischen existiert der Begriff „loneliness“ seit dem späten 16. Jahrhundert. Vorher verwendete man für den Zustand des Alleinseins „oneliness“, was auch „Einssein“ bedeuten kann. Das Wort hat dann auch keinen negativen Beigeschmack. Das Alleinsein oder eben das Einssein wurde als eine Gelegenheit betrachtet, um Gott – nicht zuletzt in der stillen Innenschau- näher zu sein.

 

Als ich die Figuren fertiggestellt hatte, breitete sich ein tiefes Glücksgefühl in mir aus. Es war ein Gefühl von „Gemeinsam“ und „Einssein“. Durch meine Erinnerungen und die Verbindung meiner äußeren Tätigkeit mit meinen Empfindungen und Gedanken, konnte ich etwas  erkennen und auch für mich klären.

Bringen wir das Außen und das Innen zusammen, können wir weiter wachsen. Unsere heutige Zeit schreit geradezu nach Gemeinsamkeit, nach inneren Verbindungen, um den Herausforderungen im Außen gewachsen zu sein.

 

 

Ich wünsche Dir, dass Du „Gemeinsam“ weiter wachsen kannst.

 

Nachdem ich dann das erste "Gemeinsam" fertigstellte, machte ich mir eine Schablone und nahm mich aller restlichen Holzstücke an.

(siehe oben)

Der Fertigungsprozeß läuft noch:-))

 

-----------

 

Und weil es so bereichernd ist, nahm ich ein paar Tage später eine komplette Europalette auseinander, stellte ein großes "Gemeinsam" her und Marikka und ich platzierten dieses gemeinsam als großes Dankeschön  in unserem Garten.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Erhardt (Samstag, 23 Oktober 2021 23:43)

    Danke für diesen Denkanstoß gemeinsam darüber nachzudenken lieber Uli. Am Montag werde ich in meine Garage gehen, wo meine Werkbank steht, und mich nach geeigneten Holzresten umsehen. Ich glaube beim Zeichnen, Sägen und Schleifen lässt es sich noch besser darüber nachdenken. Ein schönes, besinnliches und gesegnetes Wochenende wünscht dir dein alter HC Freund.