Selbstwert

 

 

In den letzten Wochen erhielt ich mehrere Emails mit Anhängen bzw. Hinweisen zu Predigten während der Fastenzeit. Eine Predigt hatte das Thema der Losung zum Jahr 2021: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ und eine weitere Nachricht hatte als Predigtinhalt „Lobet den Herren“. Mit den genannten beiden Predigten habe ich mich intensiv beschäftigt, weil ich mich geistige Themen sehr interessieren. Ich empfand Teile der jeweiligen Predigten als sehr nachvollziehbar  und sie regten mich zum Nachdenken an, andere Teile empfand ich weniger gehaltvoll und auch nicht ermutigend.

 

Die zwei Predigten hatten für mich eine Gemeinsamkeit, welche ich gerne wie folgt beschreiben möchte:

Die grundlegende Botschaft für mich war, dass wir Menschen immer wieder dankbar und demütig sein sollten, für Gott, der uns alles vergibt und für uns stets da ist. Aus Sicht der Verfasser, - so meine Auffassung -, ist die Aufgabe der Menschen, sich Gott voll und ganz hinzugeben, zu beten, treu und folgsam zu sein, dann erhalten wir auch seinen Segen, weil Gott für uns arbeitet.

 

Was ich vermisse, ist ein Weckruf oder eine Ermutigung an die Menschen, dass sie besonders in der jetzigen Zeit (der Pandemie) Fragen stellen, warum die Dinge so gehandhabt werden, wie wir es derzeit erleben. Oder wie wichtig es doch ist, für sich Position zu beziehen,  dass sich jeder Mensch auch kritisch äußern darf und nicht nur funktionieren soll. Aus meiner Sicht gilt es, Menschen zu ermutigen authentisch zu sein, Position zu beziehen, Fragen zu stellen und mit Gott zu arbeiten.

 

Durch den Glauben an Gott und die innere Verbindung zu ihm, können, dürfen und müssen wir selbst Verantwortung für uns übernehmen. Das ständige passive, ja untertänige Verhalten, das „dankbar sein“, ohne selbst sich aus dem Inneren heraus für sich einzusetzen, ist für mich keine echte Verbindung mit Gott.

 

Was mich zunehmend bewegt, ist der Verlust des Zugangs zum inneren Wesen des Menschen und der damit auch verbundene Verlust des individuellen Seins, den wir vielfach sehen. Es besteht die Gefahr unsere Menschlichkeit zu verlieren.

 

Es ist nicht einfach an sich selbst zu überprüfen, wie programmiert wir schon sind und wie unsere Persönlichkeit im Meer der Funktionen, des Funktionierens entschwindet.

 

Das „Sich-Befreien“ vom „Funktionieren“, setzt ein Innehalten voraus. Nur im Innehalten kann der Mensch zu sich selbst kommen. In der Selbstbegegnung, der Meditation erleben wir eine innere Klärung, die uns dann der Wirklichkeit im Außen entschlossener gegenübertreten lässt. Dieser Schritt setzt die tiefe Bereitschaft voraus, sich einer höheren Energie zuzuwenden. Es geht darum Gott um seiner selbst und um der Wahrheit willen zu dienen.

 

In einer der beiden Predigen wird Gott als ein treuer Helfer benannt. Das ist er auf jeden Fall! Er kommt aber nicht von außen und macht uns den Weg frei, dem wir dann einfach folgen.

 

Ich halte auch die „Programmierung“, die Mantra-artige Gebetsmühle der Politik und der Medien mit ihren Absichten den Menschen in einen Apparat, in eine Maschine umzuwandeln für das größere Hindernis ein bewusstes Leben zu führen, als, wie schon gesagt, die Furcht vor der noch unsichtbaren Apokalypse (Enthüllung!).

 

Das Innehalten und die Innenschau festigen unseren Stand in der Welt. Es führt uns zur Erkenntnis und auch zur Läuterung und Reinigung. Um die eigenen Erkenntnisse aus dem Innehalten heraus zu formulieren, braucht es den Mut zur eigenen Identität.

 

In den Predigten habe ich die tiefe Wahrhaftigkeit vermisst, die Menschen zu bestärken und sich im Sinne des eigenen göttlichen Wesens für sich selbst einzusetzen, um den Selbstwert zu stärken.

 

Das folgende Gedicht finde ich ermutigend zu unserer Zeit:

 

Am See

Oft, während ich hier sitze, immer öfter wundert

es mich, warum wir nicht aufbrechen-

Wohin?

Es genügte, wenn man den Mut hätte, jene Art

von Hoffnung abzuwerfen, die nur Aufschub

bedeutet, Ausrede gegenüber jeder Gegenwart,

die verfängliche Hoffnung auf den Feierabend

und das Wochenende, die lebenslängliche

Hoffnung auf das nächste Mal, auf das Jenseits-

es genügte, den Hunderttausend versklavter

Seelen, die jetzt an ihren Pültchen hocken, diese

Art von Hoffnung auszublasen: Groß wäre das

Entsetzen, groß und wirklich die Verwandlung.

 

Max Frisch

(schweizer Schriftsteller 1911-1991)

 

 

 

 

PS: wer sich für die Predigten interessiert, dem sende ich diese gerne zu.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Erhardt (Dienstag, 06 April 2021 08:50)

    Sehr gute Gedankenanstöße! Sie ergänzen das was ich vorgestern und heute in den Beiträgen "Gesundes Selbstvertrauen" und "Da hilft nur das Experiment" weitergab. Zu lesen im Blog meiner Fundgrube https://erhardt-stiefel.de/index.php/blog/
    Die beiden Predigten kannst du mir gerne zusenden Uli. Gott segne dich!

  • #2

    Erhardt (Freitag, 09 April 2021 09:01)

    Lieber Uli, ich habe die Predigt der Pastorin Hanke und auch deinen Brief an sie gelesen. Jetzt verstehe ich besser, was dich zu den Zeilen in diesem Beitrag über den "Selbstwert" bewegt hat. Die Selbsterkenntnis die daraus spricht, ist ein ganz persönliches Geschenk deines Schöpfers an dich. Das kann keine Kirche und auch keine einzelne Predigt vermitteln. Du bist auf einem guten Weg zum inneren Frieden. Den Frieden den nur Gott schenken kann, denn er ist "höher als alle menschliche Vernunft". Gott segne dich in deinem Bemühen deine Gedanken und Erkenntnisse an deine Mitmenschen weiter zu geben, denn das ist - Barmherzigkeit!