Achtsam Sein

Achtsam sein

Nachdem ich für einige Jahre in der Hauswirtschaft an einer Schule arbeitete, bin ich nun seit Anfang des Jahres in der Jugendhilfe tätig. Es brauchte einige Zeit, bis ich mich mit der inhaltlichen Arbeit vertraut gemacht hatte.

 

Für mich ist es wichtig, bei meiner Arbeit eine gute, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Die Werte, die für mich wichtig sind, möchte ich auch den jungen Menschen näher bringen. Immer wieder stand ich zu Beginn der Tätigkeit vor der Herausforderung, wie ich dies meinem Gegenüber  nachhaltig vermitteln kann. Schnell stellte ich fest, dass es eine Gedächtnisstütze braucht, um den Jugendlichen näher zu kommen. Vertrauen, Offenheit, Verantwortung und Ehrlichkeit sind für mich die grundlegenden Pfeiler um eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Ich nahm also die Anfangsbuchstaben meiner Werte, schrieb diese auf und brachte sie so zusammen, dass sie eine Eselsbrücke bildeten. „Ovve“ [sprich Owe] wurde zum neuen, geflügeltem Wort.

 

Und so habe ich nun bei jedem Neuanfang mit einem Jugendlichen einen einfachen Einstieg, wenn ich erkläre, was in unserer gemeinsamen Arbeit wichtig ist, - nämlich „Ovve“. Oder ich frage: „Kennst du eigentlich Ovve?“

 

Als ich begann, Ovve gezielt einzusetzen um Gespräche zu führen, war ich zunächst noch etwas unbeholfen, aber ich setzte mich dann auch immer mehr mit den Werten auseinander, welche Bedeutung diese in der Beziehung zu anderen und zu mir selbst haben. Dies möchte ich nun nachfolgend verständlich erklären.

 

O für „Offenheit“:

 

Offenheit ist, wenn ich ohne Vorurteile auf einen anderen Menschen zugehe. Ich öffne mich ihm in meiner Natürlichkeit, in meinem Wesen. Wenn ich mich ihm gegenüber offen verhalte, kann ich ihn auch so annehmen wie er ist und er kann Hilfe und Unterstützung bekommen. Offenheit ist also die Bereitschaft sich zu öffnen und es erfordert Mut diesen Weg, den eigenen Weg zu gehen.

 

V für „Vertrauen“…

 

„Es muss vom Herzen kommen, wenn es auf das Herz wirken soll“, ist ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe zum Thema Vertrauen. Dieser Satz spricht meine Wahrnehmung für Vertrauen am deutlichsten aus. Wenn das Vertrauen aus dem Herzen kommt, dann ist es für mich das Selbstvertrauen. Wenn wir auf uns vertrauen, vertrauen wir auf unser Selbst, auf unser inneres Wesen. Das Verb „trauen“ ist im Wort Vertrauen enthalten. Sich etwas zu trauen braucht Schneid und Entschlossenheit ohne eine Erwartung oder Bedingung zu stellen. Dies geht nur in dem wir mit unserer Seele in Kontakt sind. Diesen großen Schatz der inneren Verbindung kann jeder nur in sich selbst spüren, durch sein eigenes Selbstvertrauen. Es gilt für mich dieses kleine Pflänzchen zu hegen und zu pflegen, so dass es zu einem starken Baum heranwachsen kann. Nur so können wir anderen Menschen Vertrauen geben.

 

… und V für „Verantwortung“

 

Ähnlich wie beim Vertrauen steht auch hier die Selbst-Verantwortung an erster Stelle für mich. Ich schiebe nicht die Schuld für meine Probleme, meiner Vergangenheit oder für die äußeren negativen Umstände auf andere Menschen. Wenn ich die Verpflichtung eingehe, selbstständig Veränderungen herbeizuführen, die mein Handeln und mein Denken verursachen, übernehme ich Verantwortung für mich. Wenn dies ganz bewusst umgesetzt wird, kann jeder Mensch aktiv mit zu einer positiven Veränderung beitragen.

 

E für „Ehrlichkeit“

 

Ehrlichkeit ist Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Es gibt viele Sätze zu Ehrlichkeit: „Ein ehrlicher Mensch lügt und betrügt nicht. Wer nicht vorgibt etwas zu sein, was er nicht ist, - und sich dessen auch bewusst ist, kann ruhiger schlafen“. Wie auch die anderen „Teile“ von Ovve geht die Ehrlichkeit auch eine Beziehung mit Gott ein. Dies zeigt sich im sichtbaren Wortteil der „Ehr“ /Ehre in Ehrlichkeit. Das Wort Ehre kann ich durch Synonyme wie Anerkennung oder Achtung ersetzen. Das macht etwas mit mir und mein Gottvertrauen wächst. Ehrlichkeit löst auch „Angst aus“. Wenn ich meine Gedanken und Gefühle aufrichtig ausspreche, ohne vorher zu wissen wie der andere darauf reagiert, kann es auch zum Ausschluss führen oder zu anderen schmerzhaften Konsequenzen. Dabei geht es  immer wieder darum, ehrlich zu sich zu stehen, durch die Angst hindurch gehen, um dann wieder gestärkt seinen eigenen Weg weiter gehen können.

 

 

Nachdem ich nun meine Gedanken aufgeschrieben habe, erkenne ich gerade mehr, was Ovve für ein guter Begleiter und gleichzeitig auch ein echter Förderer ist. Mit Ovve habe ich gute Erkenntnisse für mich und andere gewonnen. In einem zweiten Gespräch oder Treffen frage ich meist nach: „Wie geht’s Dir mit Ovve?“ Da bekomme ich als Antwort hin und wieder ein Lächeln, manchmal auch ein Bild der Verlegenheit oder Verwunderung, nach dem Motto „Oh, was kommt jetzt auf mich zu“. Gelegentlich werde ich auch gefragt: „Wer war das nochmal?“. So haben wir einen guten Anfang um dort weiterzumachen, wo wir beim letzten Mal stehen geblieben sind. Ich lerne dadurch auch, nicht nur an mir dran zubleiben, sondern verinnerliche immer wieder die Werte aufs Neue.

 

 

(Zum Bild: die Pflanze das einjährige Silberblatt (Lunaria annua) gehört zur Familie der Kreuzblütengewächse. Sie wird auch Mondviole oder Judassilberling genannt. Ich habe sie zum Text wegen der Verbindung zur Ehrlichkeit und ihrer optischen Zerbrechlichkeit gewählt, dass es immer gilt achtsam zu sein)

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Kommentare: 1
  • #1

    Olli (Montag, 01 Juni 2020 14:19)

    Mein lieber Uli, es war und ist für mich immer schön, bei dir etwas lernen zu können oder nur ein paar Gedanken mitzunehmen.

    Liebe Grüße